Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2024: Was die Kriminalstatistik wirklich sagt - und was nicht
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2024 liegt vor. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und BKA-Präsident Holger Münch präsentierten Zahlen, die auf den ersten Blick eindeutig klingen: mehr Sexualdelikte, mehr Gewalt bei Kindern, und ein hoher Anteil ausländischer Tatverdächtiger. Doch wie belastbar sind diese Zahlen? Was sagen sie tatsächlich aus - und was verschweigen sie? Eine nüchterne Analyse.
I. Die Kerndaten der PKS 2024 im Überblick
Die PKS 2024 registrierte insgesamt 5.837.445 Straftaten - ein Rückgang von 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[1] Dieser Rückgang ist allerdings wesentlich auf die Cannabis-Teillegalisierung vom 1. April 2024 zurückzuführen. Ohne diesen Effekt wäre die Kriminalität im Fünfjahresvergleich sogar leicht gestiegen.
Im Detail zeigt die PKS folgende zentrale Entwicklungen:
• Sexualstraftaten, insbesondere Vergewaltigungen, stiegen um 8,5 Prozent - auf einen neuen Höchststand von 13.320 erfassten Fällen.
• Leichte Körperverletzungen und Raubdelikte gingen zurück (-3,7 % bei Raub).
• Gewaltkriminalität bei Kindern unter 14 Jahren stieg um 11,3 Prozent. BKA-Präsident Münch sieht darin mögliche Spätfolgen der Corona-Pandemie.
• Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger liegt (ohne ausländerrechtliche Verstöße) bei 35,4 Prozent.
II. Was die Statistik nicht misst: Das Dunkelfeld
Die PKS erfasst ausschließlich das sogenannte Hellfeld - also jene Straftaten, die der Polizei bekannt wurden.[2] Das Dunkelfeld - die Gesamtheit aller nicht angezeigten oder nicht aufgeklärten Delikte - bleibt per Definition unsichtbar. Studien zeigen: Das Dunkelfeld ist wesentlich größer als das Hellfeld.[3]
Ein strukturelles Problem: Die PKS zählt Tatverdächtige, nicht Täter. Weniger als ein Drittel aller Tatverdächtigen wird tatsächlich verurteilt.[4] Der Name "Kriminalstatistik" suggeriert eine Präzision, die sie nicht besitzt.
Das Dunkelfeld variiert je nach Delikt erheblich. Bei Sexualdelikten ist es bekanntermaßen besonders groß - ein Großteil der Übergriffe wird nie angezeigt. Der Anstieg der registrierten Sexualstraftaten könnte daher auch auf ein verändertes Anzeigeverhalten oder eine verstärkte Sensibilisierung der Gesellschaft zurückzuführen sein - und nicht allein auf eine tatsächliche Zunahme der Taten.
III. Die Frage der Ausländerkriminalität: Was die Zahlen wirklich bedeuten
3.1 Der Anteil im Hellfeld
Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger liegt laut PKS 2024 (ohne ausländerrechtliche Verstöße) bei 35,4 Prozent - und damit deutlich über dem Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung.[1] Die neu eingeführte Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) zeigt: Statistisch werden von 100.000 Nichtdeutschen ab acht Jahren 5.091 als tatverdächtig registriert, bei Deutschen sind es 1.878.
Auf den ersten Blick ist das ein erheblicher Unterschied. Doch dieser Befund fordert eine differenzierte Analyse heraus - die das BKA selbst liefert, die in der politischen Debatte aber oft untergeht.
3.2 Strukturelle Faktoren hinter der Statistik
Mehrere wissenschaftlich gut belegte Faktoren erklären einen erheblichen Teil des statistischen Unterschieds:
Demographische Struktur: Unter Zuwanderern ist der Anteil junger Männer - die Gruppe mit der statistisch höchsten Kriminalitätsbelastung in allen Bevölkerungsgruppen - deutlich überrepräsentiert. BKA-Präsident Münch selbst wies explizit darauf hin.[5]
Sozioökonomische Risikofaktoren: Armut, Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung erhöhen in allen Bevölkerungsgruppen das Kriminalitätsrisiko. Schutzsuchende weisen laut BKA überdurchschnittlich häufig multiple Risikofaktoren auf.[1]
Anzeigeverhalten der Bevölkerung: Studien zeigen, dass Bürger*innen eine Anzeige eher erstatten, wenn sie einen Ausländer als mutmaßlichen Täter vermuten.[5] Dies verzerrt die Statistik zuungunsten nichtdeutscher Verdächtiger.
Polizeiliche Kontrolldichte: Wer intensiver kontrolliert wird, erscheint häufiger in der Statistik. Das Kriminalwissenschaftliche Forschungsinstitut Niedersachsen hat diesen Effekt - bekannt als "Lüchow-Dannenberg-Syndrom" - dokumentiert.[6] Mehr Polizeipräsenz erzeugt statistisch mehr Kriminalität.
Das Phänomen PKS-Ausland: BKA-Präsident Münch wies auf ein oft übersehenes Problem hin: Als ausländische Tatverdächtige gelten in der Statistik auch Personen, die vom Ausland aus in Deutschland Straftaten begehen - etwa im Bereich Cyberkriminalität. Diese Menschen sind nie in Deutschland und können kein Indiz für Migrationskriminalität sein.
Ausländerrechtliche Verstöße: Delikte wie unerlaubte Einreise können strukturell ausschließlich von Ausländern begangen werden. Rechnet man diese heraus - was das BKA mittlerweile selbst tut - sinkt der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger erheblich.
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) haelt fest: Die statistisch hoehere Belastung von Nichtdeutschen ist vielmehr das Ergebnis verschiedener Einflussfaktoren - und nicht durch eine hoehere kriminelle Grunddisposition einzelner Gruppen erklaerbar. Diese Einschaetzung entspricht dem Stand der kriminologischen Forschung. [3, 7]
IV. Die politische Instrumentalisierung der PKS
Die politische Reaktion auf die PKS 2024 folgte einem bekannten Muster: Bundesinnenminister Dobrindt hob syrische und afghanische Tatverdächtige gesondert hervor. Solche Hervorhebungen sind legitim, wenn sie im Kontext aller relevanten Faktoren erfolgen - sie werden problematisch, wenn sie selektiv eingesetzt werden, um politische Narrative zu bedienen, ohne die oben genannten Einschränkungen zu erwähnen.
Die Berliner Zeitung formulierte es prägnant: Die PKS sei "ein Steinbruch, aus dem sich jeder das herausschlaegt, was er gerade braucht."[6] Das ist die eigentliche Gefahr - nicht die Daten selbst, sondern deren demagogische Vereinfachung.
Eine seriöse Kriminalpolitik braucht die PKS - aber als Arbeitsgrundlage, nicht als Propagandainstrument. Das BKA selbst ist dabei vorbildlich: Es benennt Einschränkungen, Verzerrungen und Interpretationsrisiken offen und transparent.
V. Sexualstraftaten: Ein differenzierter Befund
Der Anstieg der Sexualstraftaten um 8,5 Prozent - auf rund 13.320 registrierte Fälle - ist besorgniserregend. Es wäre jedoch voreilig, diesen Anstieg monokausal auf Migration zurückzuführen. Zu berücksichtigen sind:
• Veränderungen im Anzeigeverhalten: Die gesellschaftliche Sensibilisierung durch Debatten wie #MeToo hat nachweislich dazu geführt, dass mehr Betroffene Anzeige erstatten.
• Erweiterung des Erfassungsrahmens: Zum 1. Januar 2024 wurden die Opferkategorien in der PKS ausgeweitet, was die Vergleichbarkeit mit Vorjahren einschränkt.
• Das Dunkelfeld bei Sexualdelikten ist besonders groß - Schätzungen gehen davon aus, dass die Mehrzahl der Übergriffe nie zur Anzeige kommt.
Dies bedeutet nicht, dass steigende Zahlen kein reales Problem darstellen. Es bedeutet, dass eine seriöse Analyse diese Faktoren benennen muss.
VI. Forderungen der Gerechtigkeitspartei - Team Todenhöfer
Die Gerechtigkeitspartei - Team Todenhöfer fordert auf Basis dieser Analyse:
1. Transparente und vollständige Berichterstattung über die PKS: Jede politische Aussage zu Kriminalstatistiken muss strukturelle Verzerrungen, das Dunkelfeld und demographische Faktoren nennen. Selektive Zitierung der PKS zu Wahlkampfzwecken lehnen wir ab.
2. Ausbau der Dunkelfeldforschung: Die angekündigten Studien SKiD und LeSuBiA müssen vollständig finanziert und schnellstmöglich veröffentlicht werden. Ohne Dunkelfelddaten bleibt die PKS strukturell einseitig.
3. Ursachenorientierte Kriminalpolitik: Statt symbolischer Diskurse über Nationalitäten brauchen wir Investitionen in Prävention, Bildung, Jugendhilfe und soziale Integration - die nachweislich Kriminalität reduzieren.
4. Konsequente Strafverfolgung bei Sexualdelikten: Der Anstieg der Sexualstraftaten erfordert bessere Ressourcen für Ermittlungsbehörden, niedrigschwellige Anlaufstellen für Betroffene und schnellere Gerichtsverfahren - unabhängig von der Staatsangehörigkeit des Täters.
5. Schutz von Kindern: Der Anstieg der Gewalt bei Kindern muss als eigenständige politische Priorität behandelt werden. Schulpsychologische Dienste, Jugendhilfe und Sozialarbeit müssen deutlich gestärkt werden.
6. Trennschärfe zwischen Migration und Kriminalität: Maßnahmen gegen Kriminalität müssen deliktbezogen und nicht herkunftsbezogen konzipiert werden. Kollektivzuschreibungen sind kriminalpolitisch wirkungslos und rechtsstaatlich bedenklich.
Fazit
Die PKS 2024 liefert wichtige Signale: steigende Sexualdelikte, wachsende Gewalt bei Kindern und ein persistent hohes Kriminalitätsgeschehen verdienen politische Aufmerksamkeit. Wer jedoch die Statistik unreflektiert als Beleg für eine pauschale Ausländerkriminalität verwendet, missbraucht sie. Kriminalität ist kein Merkmal von Herkunft, sondern von sozialen Umständen - das zeigt die Kriminologie seit Jahrzehnten. Seriöse Kriminalpolitik beginnt mit seriöser Lektüre der Daten.
Quellenverzeichnis
[1] Bundeskriminalamt (2025): Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 - Bundesweite Übersicht. BKA, Wiesbaden. URL: bka.de/PKS2024
[2]BKA (2025): PKS 2024 - Ausgewählte Zahlen im Überblick. Bundesministerium des Innern, Berlin. URL: bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI25028_pks-2024.pdf
[3]Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) (2024): Ausländer- und Zuwandererkriminalität. Gutachten für den Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. URL: kfn.de
[4]Statistisches Bundesamt (2024): Verurteiltenstatistik 2023. Destatis, Wiesbaden.
[5] Legal Tribune Online (2025): Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 - Ergebnisse vorgestellt. URL: lto.de
[6]Berliner Zeitung (2025): Polizeiliche Kriminalstatistik - Die im Dunkeln sieht man nicht. URL: berliner-zeitung.de
[7] Weber / Asbrock (2024): Beeinflusst die Polizeiliche Kriminalstatistik die Wahrnehmung von Sicherheit durch Geflüchtete und Migrant*innen? In: Fachnetz Flucht. URL: fachnetzflucht.de
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