Wenn Hilfe zu spät kommt: Die Notfallversorgung in Deutschland am Limit
Die Szenen wiederholen sich täglich in deutschen Notaufnahmen: Überfüllte Wartezimmer, gestresste Ärztinnen und Ärzte, die zwischen lebensbedrohlichen Fällen und weniger dringenden Beschwerden priorisieren müssen, und Patientinnen und Patienten, die stundenlang auf eine Behandlung warten. Was wie ein temporäres Organisationsproblem klingt, ist in Wahrheit das Resultat jahrzehntelanger politischer Fehlentscheidungen, die unser Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses gebracht haben.
Die Faktenlage: Ein System im Ausnahmezustand
Die Zahlen sind alarmierend und sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2024 wurden in deutschen Krankenhäusern rund 13 Millionen ambulante Notfälle behandelt – ein Anstieg um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 2018.[1] Das bedeutet, dass im Durchschnitt täglich etwa 35.600 Menschen in einer Notfallambulanz versorgt wurden. Seit dem pandemiebedingten Tiefstand von 9,4 Millionen Behandlungen im Jahr 2020 steigen die Fallzahlen kontinuierlich an und haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das die vorhandenen Kapazitäten bei Weitem übersteigt.[2]
Gleichzeitig hat sich die Krankenhauslandschaft dramatisch verändert. Im Jahr 2024 wurden allein 24 Krankenhäuser vollständig geschlossen, wobei mindestens 5.000 Beschäftigte betroffen waren.[3] Hinzu kommen zahlreiche Teilschließungen, darunter 16 Geburtshilfestationen. Über 90 Krankenhäuser sind ab 2025 akut von Schließung bedroht, insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.[4] Diese Entwicklung führt zu einer fatalen Gleichung: Immer mehr Patientinnen und Patienten treffen auf immer weniger Versorgungskapazitäten.
Die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) berichtet, dass Notaufnahmen regelmäßig am Kapazitätslimit arbeiten und Patientinnen und Patienten mit akuten, aber nicht unmittelbar lebensbedrohlichen Beschwerden Wartezeiten von vier bis sechs Stunden in Kauf nehmen müssen.[5] In Spitzenzeiten können diese Wartezeiten noch deutlich länger ausfallen. Besonders kritisch: Auch bei zeitkritischen Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt, bei denen jede Minute zählt, kommt es durch überlastete Strukturen zu Verzögerungen, die im schlimmsten Fall Leben kosten können.
Das Personal in den Notaufnahmen arbeitet am Limit. Eine bundesweite Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA) aus dem Jahr 2023 ergab alarmierende Ergebnisse: In rund der Hälfte der teilnehmenden Notaufnahmen gibt es keine durchgehende Präsenz von Fachärztinnen und Fachärzten mit Zusatzweiterbildung in Klinischer Akut- und Notfallmedizin.[6] Beim Pflegepersonal sieht es nicht besser aus: Der Anteil speziell qualifizierter Pflegekräfte liegt im Durchschnitt bei unter 30 Prozent, und der empfohlene Betreuungsschlüssel von einer Vollzeitkraft je 1.200 Patientenkontakte wird nur in weniger als zwei Dritteln der Häuser eingehalten.[7]
Der Pflegemangel verschärft die Situation zusätzlich: Nach aktuellen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden in Deutschland bis zum Jahr 2049 voraussichtlich zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.[8] Schon heute zeigen sich die Auswirkungen drastisch: Ende Mai 2024 lag die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bei 5,2 Millionen – ein Anstieg um über 360.000 Personen innerhalb eines Jahres, während man demografisch bedingt nur mit einem Zuwachs um rund 50.000 Menschen gerechnet hatte.[9]
Die systemischen Ursachen: Ökonomisierung statt Patientenwohl
Die Krise der Notfallversorgung ist kein Zufall und auch kein kurzfristiges Phänomen. Sie ist das direkte Ergebnis politischer Entscheidungen, die seit den 1990er Jahren getroffen wurden. Mit der Einführung der Fallpauschalen (DRG-System) im Jahr 2004 wurde die Krankenhausfinanzierung grundlegend umgestellt: Nicht mehr der tatsächliche Versorgungsbedarf, sondern betriebswirtschaftliche Kennzahlen bestimmen seither, welche Leistungen sich für Kliniken "lohnen".[10]
Notaufnahmen sind in diesem System strukturell benachteiligt. Sie müssen rund um die Uhr vorgehalten werden, ohne dass die tatsächliche Auslastung planbar wäre. Die Behandlung in der Notaufnahme selbst wird deutlich schlechter vergütet als stationäre Aufenthalte, was zu einem Anreiz führt, Patientinnen und Patienten auch bei geringfügigen Beschwerden stationär aufzunehmen.[11] Gleichzeitig fehlt eine angemessene Vorhaltefinanzierung für die notwendige Infrastruktur und das Personal, das kontinuierlich verfügbar sein muss.
Die fortschreitende Privatisierung des Klinikwesens verschärft diese Problematik. Private Krankenhauskonzerne sind ihren Investorinnen und Investoren zur Gewinnmaximierung verpflichtet – ein Ziel, das mit der bedarfsgerechten Vorhaltung von Notfallkapazitäten oft kollidiert. Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser ist dramatisch: 70 Prozent der Kliniken erwarten für 2024 ein negatives Jahresergebnis.[12] Diese katastrophale wirtschaftliche Situation gipfelt in Insolvenzen und Schließungen. Allein in den Jahren 2023 und 2024 wurden elf Krankenhäuser nach Insolvenzverfahren geschlossen, mindestens 22 weitere Krankenhäuser befinden sich aktuell in Insolvenzverfahren.[13]
Nicht rentable Standorte werden geschlossen, auch wenn dies zu Versorgungslücken in ländlichen oder strukturschwachen Regionen führt. Die Folgen sind bereits jetzt spürbar: größere Anfahrtswege, mehr Gedränge in den verbleibenden Notaufnahmen, längere Wartezeiten.
Die explodierenden Kosten: Ineffizienz statt Qualität
Parallel zur Verschlechterung der Versorgungsqualität explodieren die Kosten. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Rettungsdienst und Krankentransport haben sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt.[14] Im Jahr 2024 gab die GKV insgesamt 7,5 Milliarden Euro für Rettungsdienst und Krankentransport aus – ein Anstieg von 10,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[15] Im Jahr 2023 waren es noch 8,7 Milliarden Euro für die verschiedenen Zweige des Rettungsdienstes,[16] im Vergleich zu etwa 5,9 Milliarden Euro im Jahr 2018.[17]
Diese ungebremste Ausgabendynamik ist nicht das Ergebnis verbesserter Versorgungsqualität, sondern Ausdruck struktureller Ineffizienz. Ein Drittel der Rettungsdiensteinsätze ist medizinisch nicht notwendig, weil es sich gar nicht um echte Notfälle handelt.[18] Fehlende Vernetzung zwischen den Leitstellen des Rettungsdienstes (112) und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (116117), unübersichtliche föderale Strukturen und mangelnde Steuerung der Patientinnen und Patienten führen zu einer massiven Ressourcenverschwendung – bei gleichzeitig sinkender Versorgungsqualität für diejenigen, die wirklich auf schnelle Hilfe angewiesen sind.
Die Konsequenzen: Wenn Politik über Leben und Tod entscheidet
Die Überlastung der Notfallversorgung hat konkrete, messbare Auswirkungen auf die Gesundheit und das Leben von Menschen. Studien zeigen, dass längere Wartezeiten in Notaufnahmen mit einer erhöhten Sterblichkeit korrelieren, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit zeitkritischen Erkrankungen.[19] Wenn ein Herzinfarktpatient oder eine Herzinfarktpatientin 30 Minuten länger auf eine Behandlung warten muss, weil die Notaufnahme überlastet ist, kann das den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Aber auch jenseits der unmittelbaren Lebensgefahr hat die Krise weitreichende Folgen. Überlastetes Personal macht mehr Fehler, die Behandlungsqualität sinkt, und die Arbeitsbedingungen führen zu einer hohen Fluktuation und wachsendem Fachkräftemangel – ein Teufelskreis, der sich selbst verstärkt.[20] Die Zahlen sind erschreckend: In der Altenpflege liegt der Krankenstand bei 7,4 Prozent – das bedeutet, dass an jedem Tag durchschnittlich 74 von 1.000 Pflegekräften krankgeschrieben sind.[21] Vier von zehn Pflegekräften gehen häufig krank zur Arbeit, weil die Personaldecke so dünn ist, dass sie ihre Kolleginnen und Kollegen nicht im Stich lassen wollen.[22]
Viele erfahrene Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte verlassen frustriert die Notfallmedizin oder wandern ins Ausland ab, wo bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Wertschätzung warten. Die Präsidentin des Deutschen Pflegerats warnte Ende Mai 2024: "Das Pflegesystem bröckelt und das Vertrauen darin schwindet. Die Alarmzeichen sind überall sichtbar."[23]
Die sozialen Auswirkungen sind ebenfalls erheblich. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sind überproportional auf die Notfallversorgung angewiesen, da sie häufiger keinen festen Hausarzt oder keine feste Hausärztin haben und der Zugang zur ambulanten Versorgung für sie mit höheren Hürden verbunden ist.[24] Die Überlastung der Notaufnahmen trifft also gerade die vulnerabelsten Gruppen unserer Gesellschaft am härtesten.
Die politische Dimension: Vernachlässigung mit Ansage
Die aktuelle Situation kommt nicht überraschend. Fachleute warnen seit Jahren vor den Folgen der Krankenhausschließungen, des Personalmangels und der unzureichenden Finanzierung der Notfallversorgung. Doch die Politik hat diese Warnungen weitgehend ignoriert. Stattdessen wurden Sparmaßnahmen durchgesetzt, Privatisierungen vorangetrieben und strukturelle Probleme durch kurzfristige Flickschusterei überdeckt.
Die Bundesregierung hat im Oktober 2024 ein Gesetz zur Reform der Notfallversorgung (NotfallG) vorgelegt, das integrierte Notfallzentren und eine bessere Steuerung der Patientenströme vorsieht.[25] Nach dem Bruch der Ampelkoalition liegt die Reform jedoch auf Eis. Zudem kritisieren Fachleute, dass die Reform des Rettungsdienstes komplett ausgeklammert wurde – obwohl gerade hier dringender Handlungsbedarf besteht.[26]
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte offen an: "Es ist ganz klar, dass wir in zehn Jahren spätestens ein paar Hundert Krankenhäuser weniger haben werden."[27] Gleichzeitig versprach er: "Kleine Häuser werden durch die Reform dauerhaft geschützt."[28] Die Realität sieht anders aus: Die Schließungswelle hat bereits begonnen, und viele Träger begründen ihre Schließungsmaßnahmen explizit mit den Reformvorhaben.[29]
Dabei zeigt gerade die Corona-Pandemie, wie existenziell wichtig eine funktionierende Notfallversorgung ist. Die Überlastung der Intensivstationen und Notaufnahmen in den Pandemiewellen hat deutlich gemacht, wie fragil unser System geworden ist. Dass wir als eines der reichsten Länder der Welt nicht in der Lage waren, ausreichend Kapazitäten vorzuhalten, ist ein politisches Armutszeugnis.
Was sich ändern muss: Konkrete Forderungen für eine menschenwürdige Notfallversorgung
Eine Gesellschaft, die im Notfall nicht schützt, hat ihre Prioritäten verloren. Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer sagt klar: Gesundheit ist kein Kostenfaktor, sondern ein Menschenrecht. Die Notfallversorgung muss aus der Profitlogik befreit und als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden werden. Dafür braucht es strukturelle Veränderungen, keine kosmetischen Korrekturen.
Erstens: Personelle Ausstattung deutlich verbessern. Wir brauchen verbindliche Personaluntergrenzen in Notaufnahmen, die sich am tatsächlichen Versorgungsbedarf orientieren, nicht an betriebswirtschaftlichen Überlegungen. Die Ausbildungskapazitäten für Pflegekräfte und Notfallmedizinerinnen und Notfallmediziner müssen massiv ausgebaut werden. In Deutschland gibt es zwar an 71 Standorten rund 2.000 Plätze zur Weiterbildung in der Notfallpflege, doch trotz hoher Auslastung dieser Kurse bleibt die Zahl der fortgebildeten Pflegekräfte gering – der Grund liegt nicht in fehlenden Angeboten, sondern an mangelnden Freistellungsmöglichkeiten und fehlender Refinanzierung.[30] Gleichzeitig müssen die Arbeitsbedingungen so verbessert werden, dass Menschen gerne in der Notfallmedizin arbeiten und nicht nach wenigen Jahren ausgebrannt das Berufsfeld verlassen. Das bedeutet: geregelte Arbeitszeiten, angemessene Bezahlung, Wertschätzung und echte Mitbestimmung.
Zweitens: Finanzierung grundlegend reformieren. Das DRG-System muss durch eine Finanzierungsstruktur ersetzt werden, die die Vorhaltung von Notfallkapazitäten angemessen honoriert. Notaufnahmen dürfen nicht als Verlustbringer betrachtet werden, sondern müssen als das gesehen werden, was sie sind: unverzichtbare Infrastruktur für die Gesundheit der Bevölkerung. Das erfordert eine auskömmliche Vorhaltefinanzierung, die unabhängig von der tatsächlichen Fallzahl gewährleistet, dass Notaufnahmen personell und technisch gut ausgestattet sind.
Drittens: Krankenhausschließungen stoppen und Rekommunalisierung vorantreiben. Der Trend zur Privatisierung und zur Schließung vermeintlich unwirtschaftlicher Standorte muss umgekehrt werden. Die aktuellen Zahlen sind alarmierend: Über 90 Krankenhäuser sind aktuell akut von Schließung bedroht.[31] Krankenhäuser gehören in öffentliche Hand, wo sie dem Gemeinwohl und nicht dem Profitinteresse privater Investorinnen und Investoren dienen. In Regionen mit Versorgungslücken müssen neue Standorte eröffnet und bestehende ausgebaut werden. Die Erreichbarkeit einer Notaufnahme innerhalb von maximal 30 Minuten muss bundesweit garantiert werden.
Viertens: Integrierte Versorgungsstrukturen schaffen. Die strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ist überholt und führt zu Ineffizienzen. Integrierte Notfallzentren, in denen hausärztliche Bereitschaftsdienste, Rettungsdienst und Notaufnahmen unter einem Dach zusammenarbeiten, können Patientenströme besser steuern und Ressourcen effizienter nutzen. Die Vernetzung der Leitstellen des Rettungsdienstes (112) und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (116117) ist längst überfällig und muss bundesweit Standard werden.[32] Gleichzeitig muss die ambulante ärztliche Versorgung gestärkt werden, damit Menschen bei nicht akuten Beschwerden niedrigschwellige Alternativen zur Notaufnahme haben.
Fünftens: Rettungsdienst bundeseinheitlich regeln und finanzieren. Die unübersichtliche und heterogene Rechtslage des Rettungsdienstes in den 16 Bundesländern führt zu Ineffizienz und Kostenintransparenz.[33] Der Bund muss von seiner Regelungskompetenz im Rettungsdienst Gebrauch machen und bundeseinheitliche Struktur- und Qualitätsvorgaben sowie eine transparente Finanzierung gewährleisten. Die Länder müssen ihrer finanziellen Verantwortung für den Rettungsdienst gerecht werden, statt sich dieser zu entziehen.
Sechstens: Digitalisierung vorantreiben – aber richtig. Digitale Lösungen wie elektronische Patientenakten, Telemedizin und intelligente Triagesysteme können die Notfallversorgung unterstützen. Aber Digitalisierung darf nicht als Ersatz für Personal missbraucht werden. Sie muss das Personal entlasten und die Versorgungsqualität verbessern, nicht Kosten sparen auf Kosten der Patientinnen und Patienten.
Eine Frage der gesellschaftlichen Prioritäten
Die Krise der Notfallversorgung ist letztlich eine Frage der gesellschaftlichen Prioritäten. Haben wir als Gesellschaft den Anspruch, dass jeder Mensch, unabhängig von Wohnort, sozialem Status oder Zeitpunkt des Notfalls, schnell und kompetent versorgt wird? Oder akzeptieren wir, dass Gesundheitsversorgung zur Ware wird, die nach Rentabilitätskriterien angeboten oder verweigert wird?
Für die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer ist die Antwort klar: Gesundheit ist ein Menschenrecht, keine Handelsware. Eine Gesellschaft, die es zulässt, dass Menschen im Notfall zu lange auf Hilfe warten müssen, weil jahrelang an der falschen Stelle gespart wurde, hat ihre Prioritäten verloren. Eine Gesellschaft, die Krankenhäuser nach Profitgesichtspunkten schließt statt nach Versorgungsnotwendigkeiten, setzt falsche Anreize.
Wir haben die Ressourcen, um eine exzellente Notfallversorgung für alle Menschen in Deutschland zu gewährleisten. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt, und die Ausgaben für Gesundheit sind im internationalen Vergleich bereits hoch. Es ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Es ist eine Frage des politischen Willens, Prioritäten neu zu setzen und die Gesundheitsversorgung vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Die aktuelle Situation ist nicht alternativlos. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und sie kann durch andere politische Entscheidungen korrigiert werden. Dafür braucht es aber einen Paradigmenwechsel: weg von der Ökonomisierung des Gesundheitswesens, hin zu einer Versorgung, die sich am Patientenwohl orientiert. Weg von Profitmaximierung und Kostendruck, hin zu einer angemessenen Finanzierung, die Qualität und Erreichbarkeit in den Mittelpunkt stellt.
Fazit: Handeln, bevor es zu spät ist
Die Notfallversorgung in Deutschland steht am Limit. Das ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beschreibung der Realität, die durch aktuelle Daten, Fachmeinungen und die täglichen Erfahrungen von Patientinnen und Patienten sowie medizinischem Personal belegt ist. Wenn Politik nicht handelt, wird aus der Krise eine Katastrophe. Wenn Hilfe zu spät kommt, wird Politik zur Frage über Leben und Tod.
Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer fordert deshalb: Mehr Personal, mehr Ressourcen, mehr Struktur – und zwar jetzt. Nicht irgendwann, nicht in kleinen Schritten, sondern mit der Dringlichkeit, die die Situation erfordert. Wir brauchen eine grundlegende Reform der Krankenhausfinanzierung, einen Stopp der Privatisierung und Schließungen, massive Investitionen in Personal und Infrastruktur sowie eine politische Kultur, die Gesundheitsversorgung als öffentliche Aufgabe ernst nimmt.
Es geht nicht um Partikularinteressen oder Ideologie. Es geht um eine fundamentale Frage: Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Eine, die ihre Bürgerinnen und Bürger im Notfall im Stich lässt, oder eine, die Schutz und Fürsorge als Grundwerte begreift? Die Antwort sollte selbstverständlich sein. Aber selbstverständlich ist sie nur, wenn wir politisch dafür kämpfen.
Quellenverweise
[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024): 13 Millionen Behandlungen in Notfallambulanzen im Jahr 2024. Pressemitteilung Nr. N069 vom 2. Dezember 2024. Wiesbaden.
[2] Ebd.
[3] Bündnis Klinikrettung (2024): Schließungsbilanz 2024 – Krankenhauskahlschlag in Zahlen. Pressekonferenz vom 20. November 2024. Berlin.
[4] Ebd.
[5] Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) (2022): Positionspapier zur Situation der Notaufnahmen in Deutschland. Berlin.
[6] Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) / Deutsche Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA) (2024): Bestandsaufnahme der Personalstrukturen und Ausstattung in 176 deutschen Notaufnahmen. In: Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin, 2024.
[7] Ebd.
[8] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024): Pflegekräftevorausberechnung 2024 bis 2049. Pressemitteilung vom 24. Januar 2024. Wiesbaden.
[9] Deutscher Pflegerat (2024): Zahlen und Fakten zur Pflege in Deutschland. Deutscher Pflegetag 2024. Berlin.
[10] Simon, M. (2016): Die ökonomischen und strukturellen Veränderungen des Krankenhausbereichs seit den 1970er Jahren. In: Badura, B. et al. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2016. Berlin: Springer, S. 29-45.
[11] Schreyögg, J. et al. (2014): Forschungsauftrag zur Mengenentwicklung nach § 17b Abs. 9 KHG. Hamburg Center for Health Economics, Universität Hamburg.
[12] Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) (2024): Studie bestätigt dramatische wirtschaftliche Lage der Kliniken. Pressemitteilung. Berlin.
[13] Bündnis Klinikrettung (2024): Schließungsbilanz 2024, a.a.O.
[14] Verband der Ersatzkassen (vdek) (2024): Erneut Kostensteigerungen im Bereich Notfall- und Rettungsdienst. Pressemitteilung. Berlin.
[15] Verband der Ersatzkassen (vdek) (2025): Daten zum Gesundheitswesen: Versorgung. Online verfügbar unter: www.vdek.com/presse/daten
[16] Verband der Ersatzkassen (vdek) (2024): Erneut Kostensteigerungen, a.a.O.
[17] KBV Gesundheitsdaten (2024): Krankentransport Ausgaben. Kassenärztliche Bundesvereinigung. Berlin.
[18] Verband der Ersatzkassen (vdek) (2024): Notfallversorgung und Rettungsdienst modernisieren. Berlin.
[19] Morley, C. et al. (2018): Emergency department crowding: An integrative review. In: Emergency Medicine Journal, 35(8), S. 435-443.
[20] Bender, M. et al. (2021): Arbeitsbedingungen und Burnout-Risiko in der Notfallmedizin. In: Notfall + Rettungsmedizin, 24, S. 456-463.
[21] Deutscher Pflegerat (2024): Zahlen und Fakten zur Pflege in Deutschland, a.a.O.
[22] Ebd.
[23] Ebd.
[24] Schmiedhofer, M. et al. (2017): Inanspruchnahme von Notaufnahmen: Der Einfluss des sozialen Status. In: Das Gesundheitswesen, 79(1), S. 38-44.
[25] Deutscher Bundestag (2024): Parlament debattiert Pläne zur Reform der Notfallversorgung. Dokumentation vom 9. Oktober 2024. Berlin.
[26] Verband der Ersatzkassen (vdek) (2024): Notfallversorgung und Rettungsdienst modernisieren, a.a.O.
[27] Bündnis Klinikrettung (2024): Schließungsbilanz 2024, a.a.O.
[28] Ebd.
[29] Ebd.
[30] DIVI/DGINA (2024): Bestandsaufnahme, a.a.O.
[31] Bündnis Klinikrettung (2024): Schließungsbilanz 2024, a.a.O.
[32] Verband der Ersatzkassen (vdek) (2024): Erneut Kostensteigerungen, a.a.O.
[33] IGES Institut (2023): Rettungsfahrten: Verdreifachung der Ausgaben seit 2010. Analyse für das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Berlin.