Milliarden für Gaskraftwerke – auf Kosten der nächsten Generation?
Erdgas als teure Sackgasse
Während die Bundesregierung unter dem Stichwort „Kraftwerksstrategie“ den Neubau von mindestens 10 Gigawatt neuer Gaskraftwerke vorantreibt [1], zeigt eine aktuelle Kurzstudie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von Green Planet Energy, wie teuer und klimaschädlich dieser Weg tatsächlich ist [2]. Die Ergebnisse sind alarmierend: Die gesamtgesellschaftlichen Kosten für Strom liegen bei 35 bis 67 Cent pro Kilowattstunde – ein Vielfaches dessen, was öffentlich kommuniziert wird.
1. Die Kraftwerksstrategie: 10 Gigawatt neue Abhängigkeit
Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, bis zu 20 GW an neuer Gaskraftwerksleistung anzureizen [4]. Nach Verhandlungen mit der EU-Kommission wurden die Pläne zwar auf 12 GW reduziert, doch 10 GW davon sollen als sogenannte Langfristkapazitäten durch Erdgaskraftwerke bereitgestellt werden, die ab spätestens 2031 in Betrieb gehen [1]. Eine Umstellung auf Wasserstoff ist lediglich für 2 GW im Jahr 2040 und weitere 2 GW im Jahr 2043 vorgesehen. Die vollständige Dekarbonisierung soll erst 2045 erfolgen [5].
Damit setzt die Bundesregierung auf eine Technologie, die Deutschland für mindestens 15 weitere Jahre an fossile Importe bindet. Die Förderung wird über eine Umlage auf den Stromverbrauch finanziert – eine zusätzliche Belastung für alle Verbraucher ab 2031. Schätzungen gehen von mindestens 0,6 Cent/kWh aus, bei 10 GW könnten die Förderkosten bei etwa 6,6 Milliarden Euro liegen [7].
Besonders problematisch: CCS (Carbon Capture and Storage) bleibt als Dekarbonisierungsoption für Gaskraftwerke ausdrücklich möglich [8]. Anders als Kohlekraftwerke sind Gaskraftwerke nicht vom Zugang zu CO₂-Leitungsnetzen und Speichern ausgenommen. Damit droht eine Verlängerung fossiler Strukturen unter dem Deckmantel der Klimaneutralität.
2. Die wahren Kosten: 35 bis 67 Cent pro Kilowattstunde
Die FÖS-Studie berechnet die Stromgestehungskosten eines neu errichteten 500-MW-Gaskraftwerks, das im Jahr 2030 in Betrieb geht und 1.000 Volllaststunden pro Jahr erreicht – also primär in Engpass- und Dunkelflautenperioden zum Einsatz kommt [2].
Reine Stromgestehungskosten: 23 Cent/kWh
Ohne Berücksichtigung externer Klimakosten liegen die Stromgestehungskosten bei rund 23 Cent/kWh. Diese setzen sich zusammen aus Investitionskosten (CAPEX), Betriebskosten (OPEX), Erdgaskosten und CO₂-Kosten, die jeweils etwa 3 bis 7 Cent/kWh beitragen [2]. Bei einem höheren CO₂-Preis von 150 Euro/t CO₂ steigen die Kosten auf rund 28 Cent/kWh.
Gesamtgesellschaftliche Kosten: bis zu 67 Cent/kWh
Der entscheidende Punkt: Der CO₂-Preis im Emissionshandel deckt nur einen Bruchteil der tatsächlichen Klimaschäden ab. Das Umweltbundesamt beziffert die Klimaschadenskosten für 2024 auf 300 bis 880 Euro pro Tonne CO₂ – abhängig davon, ob künftigen Generationen gleiche Bedeutung beigemessen wird [9]. Der tatsächliche CO₂-Preis lag 2024 dagegen bei nur 67 Euro/t CO₂ [10].
Werden die nicht internalisierten Klimaschäden einbezogen, ergeben sich gesamtgesellschaftliche Kosten von 35 Cent/kWh bei einem konservativen Klimaschadensansatz (335 Euro/t CO₂) und bis zu 67 Cent/kWh bei einem generationsgerechten Ansatz (940 Euro/t CO₂) [2].
Diese Zahlen verdeutlichen: Was heute als „günstige Brückentechnologie“ verkauft wird, ist in Wahrheit eine der teuersten Optionen zur Sicherung der Stromversorgung.
3. Geopolitische Abhängigkeit: Die nächste Preiskrise kommt
Deutschland deckt rund 95 Prozent seiner Gasnachfrage durch Importe [11]. Zwar wurde die Versorgung nach dem Wegfall russischer Pipelinelieferungen formal diversifiziert – 2025 stammten rund 90 Prozent der Importe aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien [12]. Doch ein erheblicher Teil des über die Niederlande und Belgien importierten Gases stammt ursprünglich aus Drittstaaten wie den USA, Russland und Katar in Form von LNG [13]. Rund 86 Prozent der direkten LNG-Importe nach Deutschland kamen 2024 aus den USA, überwiegend aus der klimaschädlichen Schiefergasförderung (Fracking) [14].
Die Energiepreiskrise 2022 hat drastisch gezeigt, wohin diese Abhängigkeit führt: Im August 2022 lag der Gaspreis in der Spitze bei fast 340 Euro/MWh, das durchschnittliche Krisenniveau bei 127 Euro/MWh [15]. Würden die Erdgaspreise erneut auf dieses Krisenniveau steigen, lägen die Stromgestehungskosten neuer Gaskraftwerke bei 48 bis 53 Cent/kWh – wohlgemerkt ohne externe Klimakosten [2].
Wie real diese Gefahr ist, zeigt die jüngste Entwicklung: Innerhalb weniger Tage Anfang März 2026 stieg der Erdgaspreis um fast 70 Prozent – von knapp 32 auf über 54 Euro/MWh, ausgelöst durch den Krieg im Nahen Osten [2].
4. Klimabilanz: Erdgas ist kein sauberer Energieträger
Die Klimawirkung von Erdgas wird systematisch unterschätzt. Neben den direkten CO₂-Emissionen bei der Verbrennung entstehen erhebliche Methanemissionen entlang der gesamten Wertschätzungskette – bei Förderung, Verarbeitung, Transport und Verteilung [17]. Methan besitzt über einen Zeitraum von 100 Jahren ein 28-fach höheres Treibhauspotenzial als CO₂, über 20 Jahre sogar ein 86-fach höheres [18].
Studien zeigen: Bereits bei Leckraten zwischen 2,4 und 3,2 Prozent verliert Erdgas seinen vermeintlichen Klimavorteil gegenüber Kohle [19]. Für durch Fracking gewonnenes Gas – das den Großteil der US-LNG-Importe ausmacht – lassen sich die Leckraten kaum unter 3,8 Prozent senken [20]. Unabhängige Messungen in den USA haben sogar bis zu 60 Prozent höhere Methanemissionen ergeben als offiziell gemeldet [21]. Strom aus Gaskraftwerken kann also je nach Gasherkunft sogar klimaschädlicher sein als Strom aus Kohlekraftwerken [22].
Über die Gesamtlaufzeit verursacht ein einzelnes 500-MW-Gaskraftwerk bei 1.000 Volllaststunden rund 4,2 Millionen Tonnen CO₂ und nicht internalisierte Klimaschäden von bis zu 3,5 Milliarden Euro [2]. Bei höherer Auslastung steigen die Emissionen auf bis zu 8,4 Millionen Tonnen und die nicht internalisierten Schäden auf bis zu 7 Milliarden Euro.
5. Milliarden an Subventionen: Erdgas ist kein subventionsfreier Energieträger
Entgegen der verbreiteten Darstellung profitiert Erdgas in Deutschland von erheblichen staatlichen Förderungen [2]: Die Kosten für die Gasspeicher werden seit Anfang 2026 aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert – in einem Umfang von mehr als 3 Milliarden Euro pro Jahr [23]. Für Aufbau und Betrieb der LNG-Terminals erhält die Deutsche Energy Terminal staatliche Mittel von bis zu 5 Milliarden Euro [24]. Im Jahr 2025 waren allein im Sondervermögen für Infrastruktur 835 Millionen Euro für LNG-Terminals vorgesehen [25]. Die Energiesteuerbefreiung für Erdgas in der Stromerzeugung kostete den Staat 2024 rund 1,2 Milliarden Euro [26]. Und die geplanten Beihilfen für die Kraftwerksstrategie könnten bei 10 GW rund 6,6 Milliarden Euro betragen [7].
In Summe fließen also Milliarden an Steuergeldern in eine fossile Infrastruktur, die mit den Klimazielen nicht vereinbar ist.
6. Klimafreundliche Alternativen sind verfügbar
Die FÖS-Studie belegt: Klimafreundliche Technologien zur Versorgungssicherheit können zu vergleichbaren oder sogar niedrigeren Kosten Strom bereitstellen [2]. Ein Technologievergleich des Reiner-Lemoine-Instituts zeigt, dass die Stromgestehungskosten von grünem Wasserstoff mit 23,5 Cent/kWh nur geringfügig über denen von Gaskraftwerken liegen – bei Berücksichtigung von CO₂-Kosten [27]. Gaskraftwerke mit CCS weisen mit 27,7 Cent/kWh sogar höhere Gestehungskosten auf als grüner Wasserstoff.
Biogas bietet ebenfalls erhebliches Potenzial: Durch Überbauung bestehender Biogasanlagen könnte die installierte Leistung von heute 6 GW auf 12 GW bis 2030 verdoppelt werden – ohne zusätzlichen Anbau von Energiepflanzen [28]. Die Stromgestehungskosten überbauter Bestandsanlagen liegen laut IZES bei 22,5 bis 29,1 Cent/kWh [29]. Bis 2045 sind sogar bis zu 24 GW installierter Leistung erschließbar [30].
Großbatteriespeicher können das 10-Stunden-Kriterium der Kraftwerksausschreibungen erfüllen, wobei die Investitionskostenförderung mit rund 450 Euro/kW sogar deutlich niedriger ausfällt als bei Gaskraftwerken (660 Euro/kW) [31].
7. Unsere Forderungen als Gerechtigkeitspartei
Forderung 1: Gaskraftwerkszubau auf das absolut notwendige Maß begrenzen
Der geplante Neubau von 10 GW Erdgaskraftwerken droht langfristige Lock-in-Effekte zu schaffen und die Klimaneutralität 2045 zu gefährden. Wir fordern eine strikte Begrenzung des Gaskraftwerkszubaus und eine technologieoffene Ausschreibung, die klimafreundliche Alternativen wie Großbatteriespeicher, Bioenergie und grünen Wasserstoff gleichberechtigt berücksichtigt.
Forderung 2: Gesamtgesellschaftliche Kosten zur Entscheidungsgrundlage machen
Technologieentscheidungen dürfen nicht allein auf Basis betriebswirtschaftlicher Stromgestehungskosten fallen. Die nicht internalisierten Klimaschäden von 12 bis 44 Cent/kWh müssen in jeden Kostenvergleich einfließen. Wir fordern eine Pflicht zur Ausweisung gesamtgesellschaftlicher Kosten bei allen energiepolitischen Investitionsentscheidungen.
Forderung 3: Grünen Wasserstoff massiv fördern – global denken
Unser Parteiprogramm setzt auf grünen Wasserstoff aus globalen Quellen und auf Partnerschaften mit Wüstenstaaten, die über ideale Bedingungen für die Produktion von Solar- und Windenergie verfügen [3]. Statt Milliarden in fossile Gaskraftwerke zu investieren, müssen diese Mittel in den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft umgeleitet werden. Der Hochlauf von Elektrolyseanlagen in Partnerstaaten mit hoher Sonneneinstrahlung ist der Schlüssel zu bezahlbarem, klimaneutralem Strom.
Forderung 4: Fossile Subventionen abbauen – Steuererleichterungen für Bürger schaffen
Die Milliarden an Subventionen für Erdgas – von Gasspeicherfinanzierung über LNG-Terminals bis zur Energiesteuerbefreiung – müssen schrittweise abgebaut und in klimafreundliche Technologien umgeschichtet werden.
Forderung 5: Keine Klimapolitik auf dem Rücken der Einkommensschwachen
Die geplante Gasumlage ab 2031 belastet alle Stromverbraucher. Besonders hart trifft das einkommensschwache Haushalte. Wir fordern: Wenn eine Umlage unvermeidbar ist, muss sie mit einem sozialen Ausgleichsmechanismus verbunden werden.
Forderung 6: Generationengerechtigkeit gesetzlich verankern
Ein einzelnes 500-MW-Gaskraftwerk verursacht über seine Laufzeit nicht internalisierte Klimaschäden von bis zu 7 Milliarden Euro. Das sind Kosten, die unsere Kinder und Enkel tragen müssen. Jede energiepolitische Großinvestition muss einem Generationengerechtigkeitscheck unterzogen werden.
Forderung 7: Geopolitische Unabhängigkeit durch erneuerbare Energien
Die Abhängigkeit von Erdgasimporten macht Deutschland erpressbar. Jeder Euro, der in heimische erneuerbare Energien, in Speichertechnologien und in Energieeffizienz fließt, stärkt unsere Souveränität. Unsere Partei steht für kluge Diplomatie und strategische Partnerschaften –auf Basis einer resilienten, nicht erpressbaren Energieversorgung. Wind und Sonne können nicht sanktioniert werden.
Fazit: Ehrlichkeit statt Illusionen
Die FÖS-Studie zeigt eindrücklich, dass Erdgaskraftwerke keine günstige Lösung für die Versorgungssicherheit sind – schon gar nicht, wenn man die gesamtgesellschaftlichen Kosten ehrlich benennt. Die Bundesregierung plant, Milliarden an Steuergeldern und Umlagen in eine Technologie zu investieren, die uns in fossiler Abhängigkeit hält, die Klimaziele gefährdet und kommende Generationen mit milliardenschweren Schäden belastet.
Wir fordern Ehrlichkeit in der Klimapolitik, mehr Verantwortung gegenüber den jungen Menschen dieses Landes. Das heißt: Weniger Gaskraftwerke, mehr grüner Wasserstoff, mehr Speicher, mehr Flexibilität – und eine Politik, die das Gemeinwohl über Lobbyinteressen stellt.
Denn: Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen. Das gilt nicht nur in der Finanzpolitik, sondern auch in der Energiepolitik.
Quellenverzeichnis
[1] BMWE (2026): Grundsatzeinigung mit der Europäischen Kommission über Eckpunkte der Kraftwerksstrategie. Abrufbar unter: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de
[2] FÖS/Green Planet Energy (2026): Teure Option für die Versorgungssicherheit: Die wahren Kosten von Strom aus Erdgas. Kurzstudie, März 2026.
[3] Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer: Das Parteiprogramm. Stand 10.05.2025. Abrufbar unter: https://gerechtigkeitspartei.de/documents/programm.pdf
[4] CDU, CSU, SPD (2025): Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag, 21. Legislaturperiode.
[5] BMWE (2026): a. a. O.; vgl. PV Magazine (2026): Bundesregierung einigt sich mit EU-Kommission auf Eckpunkte der Kraftwerksstrategie.
[6] Tagesspiegel Background (2026a): Was die geänderte Kraftwerksstrategie für NRW bedeutet.
[7] FÖS (2025c): 20 GW Gaskraftwerke bis 2030 – Was kostet die Erweiterung der Kraftwerksstrategie?
[8] Kohlendioxid-Speicherung-und-Transport-Gesetz (KSpTG), § 33; vgl. PV Magazine (2026): a. a. O.
[9] UBA (2020): Methodenkonvention 3.1 zur Ermittlung von Umweltkosten. Kostensätze.
[10] DEHSt (2025): Emissionssituation 2024 im Europäischen Emissionshandel.
[11] AG Energiebilanzen (2025): Auswertungstabellen zur Energiebilanz Deutschland.
[12] BNetzA (2026): Aktuelle Lage Gasversorgung.
[13] Urgewald e. V. (2024): Deutschlands dreckige Gasimporte; DUH (2025a): Neue Gasbohrungen vor Borkum.
[14] DUH (2025b): Terminals schlecht ausgelastet; Energy Information Administration (2026): U.S. Natural Gas Exports by Country.
[15] FÖS/Prognos (2024): Wirkung des nationalen Brennstoffemissionshandels.
[16] Tagesspiegel Background (2026c): Krieg am Energie-Nadelöhr heizt Kostendebatte an.
[17] FÖS (2021): Pricing methane: Implementing a methane pricing model for the EU gas market.
[18] IPCC (2013): Climate Change 2013: The Physical Science Basis; Wang u. a. (2023): The role of rice cultivation in changes in atmospheric methane concentration.
[19] Howarth, R. W. (2024): The greenhouse gas footprint of liquefied natural gas (LNG) exported from the United States.
[20] Howarth, R. (2015): Methane emissions and climate warming risk from hydraulic fracturing and shale gas development.
[21] Jones, T. S. u. a. (2021): Assessing urban methane emissions using column-observing portable FTIR spectrometers.
[22] EnergyWatchGroup (2019): Erdgas leistet keinen Beitrag zum Klimaschutz.
[23] Bundesregierung (2025b): Abschaffung der Gasspeicherumlage.
[24] Europäische Kommission (2024b): State Aid SA.105137 – Germany Deutsche Energy Terminal GmbH.
[25] FÖS (2025b): Zielgenau und wirksam: Die sieben Regeln fürs Geld ausgeben.
[26] Destatis (2025): Energiesteuerstatistik, Berichtsjahr 2024.
[27] BUND/Gaswende (2025): Smart statt Gas: Flexibilisierung als Schlüssel für ein zukunftsfestes Energiesystem.
[28] AEE (2024): Regelbare Kraftwerke und Speicher in den Bundesländern.
[29] IZES (2025): Zukunftsaussichten der Biogasbranche.
[30] Frontier Economics (2025): Kraftwerksstrategie: Festlegung auf Gas oder Technologiemix?
[31] Regelleistung Online (2025): Speicher statt Gas? Wie 10-Stunden-Batterien Milliarden sparen könnten.