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Der Angriff auf den Achtstundentag: Wenn Arbeitnehmerrechte zur Disposition stehen

Der Angriff auf den Achtstundentag: Wenn Arbeitnehmerrechte zur Disposition stehen

Schirin Simo
Wirtschaftspolitik
05. February 2026
13 Min. Lesezeit

Eine kritische Analyse der aktuellen Arbeitszeitdebatte und ihrer gesellschaftlichen Folgen

Deutschland erlebt derzeit eine konzertierte Offensive gegen hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte. Was als Debatte um Teilzeitarbeit begann, entpuppt sich zunehmend als fundamentaler Angriff auf die Arbeitszeitregulierung insgesamt. Die Forderungen reichen von der Stigmatisierung von Teilzeitarbeit über die Aufweichung des Achtstundentags bis hin zu weitreichenden Flexibilisierungen, die das Arbeitszeitgesetz faktisch aushebeln würden.[1][2][3][4] Diese Entwicklung verdient eine gründliche Auseinandersetzung, die sowohl die ökonomischen Argumente als auch die sozialen und gesundheitlichen Folgen in den Blick nimmt.

Die Frontlinien: Von der Teilzeit-Kritik zur Arbeitszeitoffensive

Die jüngste Debatte wurde durch Carsten Linnemann, Generalsekretär der CDU, angestoßen, der Teilzeitarbeit als „Lifestyle-Entscheidung" diskreditierte und deren Einschränkung forderte.[1] Doch dies war nur der Auftakt zu einer umfassenderen Agenda: Die geplanten Änderungen am Arbeitszeitgesetz sehen vor, die tägliche Höchstarbeitszeit von acht auf zehn Stunden zu verlängern und eine wöchentliche statt täglichen Höchstarbeitszeit einzuführen.[3] Dies würde theoretisch Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden ermöglichen, solange der wöchentliche Durchschnitt eingehalten wird.

Diese Pläne stoßen auf breite Kritik aus Gewerkschaften und sozialdemokratischen Kreisen, die vor einer schleichenden Erosion des Arbeitnehmerschutzes und erheblichen gesundheitlichen Risiken warnen.[3][4] Arbeitgeberverbände hingegen preisen die Änderungen als notwendige Flexibilisierung für den Wirtschaftsstandort Deutschland.[3]

Die Gleichzeitigkeit dieser Debatten ist kein Zufall: Sie folgt einer neoliberalen Logik, die Arbeitnehmerrechte als Wachstumshemmnis betrachtet und die Verantwortung für wirtschaftliche Probleme individualisiert statt strukturelle Ursachen anzugehen.

Die empirische Realität: Wer arbeitet wie viel – und warum?

Um die Debatte zu verstehen, müssen wir zunächst die Fakten klären. In Deutschland arbeiten rund 12,7 Millionen Menschen in Teilzeit, davon etwa 80 Prozent Frauen.[2] Die Gründe sind mehrheitlich nicht freiwillig: Mehr als 2,1 Millionen Menschen gaben 2023 an, wegen Betreuungspflichten für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige in Teilzeit zu arbeiten. Weitere 1,8 Millionen fanden keine Vollzeitstelle und arbeiten unfreiwillig in Teilzeit.[5]

Gleichzeitig zeigt die Arbeitszeitstatistik ein differenziertes Bild: Die durchschnittliche tatsächliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten lag 2023 bei 41,0 Stunden – also bereits über der tariflich vereinbarten Normalarbeitszeit.[6] Etwa 5,9 Millionen Beschäftigte leisteten 2023 regelmäßig Überstunden, davon wurden nur etwa 49 Prozent vergütet oder durch Freizeitausgleich kompensiert.[7]

Diese Zahlen offenbaren einen fundamentalen Widerspruch: Während ein Teil der Bevölkerung – überwiegend Frauen – aufgrund struktureller Zwänge nicht so viel arbeiten kann, wie sie möchte oder muss, arbeitet ein anderer Teil – überwiegend Männer – mehr als gesundheitlich und sozial verträglich ist, oft ohne angemessene Kompensation.

Die gesundheitlichen Folgen: Wenn Arbeit krank macht

Die Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen langer Arbeitszeiten ist eindeutig. Eine Meta-Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 2021 ergab, dass Arbeitszeiten von 55 Stunden oder mehr pro Woche das Risiko für Schlaganfälle um 35 Prozent und für ischämische Herzkrankheiten um 17 Prozent erhöhen.[8]

Das Bundesinstitut für Risikobewertung stellte in einer Studie fest, dass lange Arbeitszeiten mit erhöhtem Stress, Schlafstörungen, psychischen Belastungen und einem höheren Unfallrisiko einhergehen.[9] Besonders problematisch sind unregelmäßige und unvorhersehbare Arbeitszeiten, die die Erholung erschweren und die Work-Life-Balance zerstören.

Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser gesundheitlichen Folgen sind erheblich: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bezifferte die durch arbeitsbedingte Erkrankungen entstehenden Produktionsausfälle 2022 auf etwa 100 Milliarden Euro jährlich.[10] Hinzu kommen die individuellen Kosten: zerstörte Familienbeziehungen, chronische Erschöpfung, Burnout und vorzeitiger Verschleiß.

Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Verlängerte Arbeitszeiten gefährden die Gesundheit der Beschäftigten massiv und verursachen erhebliche gesellschaftliche Kosten.

Der historische Kontext: Die Erkämpfung des Achtstundentags

Die aktuellen Debatten lassen sich nur verstehen, wenn wir den historischen Kontext berücksichtigen. Der Achtstundentag war keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe der Arbeiterbewegung. „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Freizeit" lautete die Forderung, die 1918 in Deutschland erstmals gesetzlich verankert wurde.[11]

Diese Regulierung basierte nicht nur auf Gerechtigkeitserwägungen, sondern auch auf der Erkenntnis, dass überlange Arbeitszeiten zu gesundheitlichen Schäden, Unfällen und sozialen Verwerfungen führen. Die Industrialisierung hatte gezeigt, dass der „freie Markt" keineswegs zu humanen Arbeitsbedingungen führt, sondern ohne Regulierung zur Ausbeutung tendiert.

Die heutige Debatte um „Flexibilisierung" und „Entbürokratisierung" des Arbeitszeitrechts ignoriert diese historischen Lektionen. Sie suggeriert, dass die Probleme des 21. Jahrhunderts durch eine Rückkehr zu Zuständen des 19. Jahrhunderts gelöst werden könnten – eine Annahme, die sowohl historisch als auch empirisch unhaltbar ist.

Die ökonomische Täuschung: Mehr Arbeit ≠ mehr Wohlstand

Ein zentrales Argument der Befürworter längerer Arbeitszeiten lautet, Deutschland brauche mehr Arbeitsstunden, um wettbewerbsfähig zu bleiben und dem Fachkräftemangel zu begegnen.[3] Diese Argumentation greift jedoch zu kurz und ignoriert fundamentale ökonomische Zusammenhänge.

Erstens: Produktivität ist nicht gleichbedeutend mit Anwesenheitszeit. Die OECD-Daten zeigen, dass Länder mit kürzeren durchschnittlichen Arbeitszeiten oft eine höhere Stundenproduktivität aufweisen. Deutschland liegt beim Produktivitätswachstum im internationalen Vergleich im Mittelfeld – nicht weil zu wenig, sondern oft weil ineffizient gearbeitet wird.[12]

Zweitens: Der Fachkräftemangel ist kein Problem der Arbeitsstunden, sondern der Arbeitsbedingungen. In Branchen mit besonders ausgeprägtem Fachkräftemangel – Pflege, Erziehung, Handwerk – sind die Probleme niedrige Bezahlung, hohe Belastung und mangelnde Wertschätzung. Längere Arbeitszeiten würden diese Probleme verschärfen, nicht lösen.[13]

Drittens: Die Fokussierung auf Arbeitszeit lenkt von den eigentlichen Produktivitätshemmnissen ab – unzureichende Digitalisierung, bürokratische Hemmnisse, mangelnde Investitionen in Bildung und Infrastruktur sowie eine rückständige Unternehmenskultur in vielen Bereichen.

Viertens: Volkswirtschaftlich führen längere Arbeitszeiten ohne zusätzliche Beschäftigung nicht zu mehr Wachstum, sondern nur zu einer Umverteilung von Arbeit. Wenn bestehende Beschäftigte länger arbeiten, reduziert dies den Anreiz zur Neueinstellung und verschärft die Arbeitslosigkeit.

Die Teilzeit-Realität: Flexibilität für wen?

Die Debatte um Teilzeitarbeit wird häufig von Missverständnissen geprägt. Aus Arbeitgebersicht ist das zentrale Argument für Teilzeitmodelle nicht etwa die Einsparung von Lohnkosten – diese entstehen bei regelkonformer Beschäftigung nicht –, sondern die betriebliche Flexibilität.[2] Mit mehreren Teilzeitkräften können Ausfälle besser kompensiert werden, Stoßzeiten besser abgedeckt und Betriebsabläufe flexibler gestaltet werden.

Diese betriebswirtschaftliche Logik kollidiert jedoch mit den Lebensrealitäten der Beschäftigten. Denn während Arbeitgeber von Flexibilität profitieren, tragen die Beschäftigten die Kosten:

Strukturelle Zwänge: Die Hauptgründe für Teilzeitarbeit sind nicht freie Entscheidungen, sondern strukturelle Notwendigkeiten. Mit 2,1 Millionen Menschen, die aufgrund von Betreuungspflichten in Teilzeit arbeiten, und weiteren 1,8 Millionen, die unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt sind,[5] wird deutlich: Teilzeit ist für die Mehrheit keine Lifestyle-Wahl, sondern Kompromiss oder Notlösung.

Betreuungsdefizite: Deutschland hinkt bei der Betreuungsinfrastruktur europaweit hinterher. Die Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren liegt bei nur 35,5 Prozent.[14] Bei der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder sind es etwa 55 Prozent,[15] obwohl ab 2026 ein Rechtsanspruch besteht – dessen Umsetzung angesichts des Fachkräftemangels in der Kinderbetreuung mehr als fraglich ist.

Pflegeverantwortung: Mit 5,3 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland,[16] die überwiegend von Angehörigen versorgt werden, ist Teilzeitarbeit oft die einzige Möglichkeit, Erwerbsarbeit und Pflege zu vereinbaren. Diese Last wird überproportional von Frauen getragen.

Langfristige Folgen: Die Konsequenzen von Teilzeitarbeit sind gravierend: Die Gender Pension Gap liegt bei 49,8 Prozent,[17] hauptsächlich verursacht durch unterbrochene Erwerbsbiografien und Teilzeitarbeit. Frauen sind überproportional von Altersarmut betroffen, mit durchschnittlichen Altersrenten von 1.316 Euro gegenüber 1.734 Euro bei Männern.[18]

Die Stigmatisierung von Teilzeitarbeit als „Lifestyle" ist also nicht nur faktisch falsch, sondern auch zynisch gegenüber Millionen von Menschen, die in Teilzeit arbeiten, weil ihnen keine Alternative bleibt.

Die soziale Dimension: Wer profitiert, wer zahlt?

Die geplanten Änderungen würden nicht alle Beschäftigten gleichermaßen treffen. Die sozialen Folgen wären hochgradig ungleich verteilt.

Geschlechtergerechtigkeit: Frauen, die bereits jetzt den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit leisten (durchschnittlich 52,4 Stunden pro Woche gegenüber 21,4 Stunden bei Männern),[19] würden durch längere Arbeitszeiten zusätzlich belastet. Die ohnehin bestehende Vereinbarkeitsproblematik würde sich verschärfen. Das Ergebnis wäre nicht mehr Erwerbsarbeit von Frauen, sondern ein noch größerer Rückzug aus dem Arbeitsmarkt oder eine gesundheitsgefährdende Doppelbelastung.

Klassenfrage: Hochqualifizierte in tarifgebundenen Unternehmen oder im öffentlichen Dienst haben eher die Möglichkeit, sich gegen überlange Arbeitszeiten zu wehren. Beschäftigte in prekären Verhältnissen, in kleinen Unternehmen ohne Betriebsrat oder in Branchen mit geringer gewerkschaftlicher Organisation hingegen würden die Hauptlast tragen.

Familienstrukturen: Längere und flexiblere Arbeitszeiten erschweren die Planbarkeit des Alltags. Kinder, deren Eltern unvorhersehbare Arbeitszeiten haben, leiden unter Instabilität. Partnerschaften, in denen beide Partner Vollzeit mit langen Arbeitszeiten arbeiten müssen, stehen unter enormem Druck.

Die Debatte um Arbeitszeiten ist also immer auch eine Debatte um gesellschaftliche Prioritäten: Wollen wir eine Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit alles dominiert, oder eine, in der auch Zeit für Familie, Engagement, Bildung und Erholung bleibt?

Die Flexibilisierungs-Falle: Wessen Flexibilität?

Ein zentrales Argument der Befürworter längerer Arbeitszeiten ist „Flexibilität".[3] Doch Flexibilität für wen? In der Praxis bedeutet die geforderte Flexibilisierung meist einseitige Flexibilität zugunsten der Arbeitgeber.

Flexible Arbeitszeiten können durchaus vorteilhaft sein – wenn sie tatsächlich den Beschäftigten Wahlmöglichkeiten geben. Die Realität sieht jedoch anders aus: Studien zeigen, dass arbeitgeberdominierte Flexibilität mit höherer Stressbelastung, schlechterer Gesundheit und geringerer Arbeitszufriedenheit einhergeht.[20]

Echte Flexibilität würde bedeuten:

  • Beschäftigte können Arbeitszeit und -ort mitbestimmen
  • Planungssicherheit durch verlässliche Dienstpläne
  • Recht auf Nichterreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit
  • Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Arbeitszeitmodellen
  • Umkehrbarkeit von Arbeitszeitentscheidungen

Die geplanten Änderungen am Arbeitszeitgesetz bieten hingegen primär Arbeitgebern mehr Spielraum, Arbeitszeiten nach betrieblichen Erfordernissen zu gestalten, ohne den Beschäftigten entsprechende Mitbestimmungsrechte einzuräumen.[3]

Die Alternative: Arbeitszeitverkürzung statt -verlängerung

Während Deutschland über längere Arbeitszeiten debattiert, gehen andere Länder den entgegengesetzten Weg. Island testierte erfolgreich die Vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn – mit dem Ergebnis gesteigerter Produktivität und höherer Mitarbeiterzufriedenheit.[21] Belgien führte 2022 ein Recht auf Vier-Tage-Woche ein.[22] Spanien und Portugal experimentieren mit ähnlichen Modellen.[23]

Die Argumente für Arbeitszeitverkürzung sind überzeugend:

Produktivität: Kürzere Arbeitszeiten führen zu konzentrierterem Arbeiten und weniger Erschöpfung. Die Produktivität pro Stunde steigt oft, sodass der Output kaum sinkt.

Gesundheit: Mehr Erholungszeit reduziert Krankheitstage und verbessert die psychische und physische Gesundheit.

Gleichstellung: Kürzere Vollzeitmodelle erleichtern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Geschlechter und fördern gleichmäßigere Aufteilung von Care-Arbeit.

Beschäftigung: Arbeitszeitverkürzung kann Beschäftigung schaffen, indem vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe verteilt wird.

Lebensqualität: Mehr Zeit für Familie, Bildung, Engagement, Kultur und Erholung steigert die Lebensqualität und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich zwar kurzfristig Kosten verursachen, langfristig aber durch geringere Gesundheitskosten, höhere Produktivität und stabilere Beschäftigung kompensiert werden könnte.[24]

Was wirklich gebraucht wird: Eine ganzheitliche Arbeitszeitpolitik

Statt Teilzeitarbeit zu stigmatisieren und den Achtstundentag aufzuweichen, braucht Deutschland eine moderne Arbeitszeitpolitik, die verschiedene Lebensmodelle ermöglicht und schützt:

1. Infrastrukturoffensive: Massive Investitionen in Kinderbetreuung und Pflege sind die Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt frei wählen können, wie viel sie arbeiten wollen.

2. Wahlarbeitszeit: Beschäftigte sollten das Recht haben, ihre Arbeitszeit im Rahmen betrieblicher Möglichkeiten zu wählen – nach oben wie nach unten. Dies beinhaltet ein Recht auf Arbeitszeitreduzierung und auf Rückkehr in Vollzeit.

3. Teilzeit-Aufwertung: Teilzeitarbeit darf nicht automatisch Karrierenachteile bedeuten. Führung in Teilzeit, anteilige Altersvorsorge und gleiche Aufstiegschancen müssen Standard werden.

4. Arbeitszeiterfassung: Die vom EuGH geforderte Arbeitszeiterfassung muss konsequent umgesetzt werden, um unbezahlte Überstunden zu verhindern und Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz aufzudecken.

5. Mitbestimmung: Arbeitszeitgestaltung darf nicht allein Arbeitgebersache sein. Starke Betriebsräte und Tarifverträge sind notwendig, um Beschäftigteninteressen durchzusetzen.

6. Gleichstellung: Nur wenn Care-Arbeit gleichmäßiger verteilt wird, können Frauen und Männer gleichermaßen erwerbstätig sein. Das erfordert nicht nur kulturellen Wandel, sondern auch politische Anreize wie nicht übertragbare Partnermonate und steuerliche Gleichbehandlung.

7. Perspektive Arbeitszeitverkürzung: Statt längerer sollten kürzere Vollzeitstandards angestrebt werden – finanziert durch Produktivitätsgewinne, die nicht allein den Kapitaleignern zugutekommen.

Fazit: Fortschritt oder Rückschritt?

Die aktuelle Debatte um Arbeitszeiten ist ein Lackmustest für die politische Ausrichtung Deutschlands. Geht es darum, die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu stärken oder zu schwächen? Um die Ermöglichung selbstbestimmter Lebensführung oder um maximale Verwertbarkeit der Arbeitskraft? Um eine Gesellschaft, die allen ein gutes Leben ermöglicht, oder um eine, die Menschen in Produktionsfaktoren verwandelt?

Die Forderungen nach Einschränkung der Teilzeitarbeit und Aufweichung des Achtstundentags stehen in einer Tradition neoliberaler Politik, die soziale Probleme individualisiert und strukturelle Ursachen ignoriert. Sie versprechen wirtschaftlichen Fortschritt durch soziale Rückschritte – ein Versprechen, das historisch noch nie eingelöst wurde.

Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Überlange Arbeitszeiten machen krank, zerstören Familien und senken langfristig die Produktivität. Sie sind weder ökonomisch sinnvoll noch sozial gerecht noch gesundheitlich vertretbar.

Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer steht für eine Arbeitszeitpolitik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht die Profitmaximierung. Wir fordern:

  • Erhalt und Stärkung des Achtstundentags als soziale Errungenschaft
  • Aufwertung statt Stigmatisierung von Teilzeitarbeit durch bessere Bezahlung und Aufstiegschancen
  • Massive Investitionen in Betreuungsinfrastruktur als Voraussetzung für echte Wahlfreiheit
  • Gleichmäßige Verteilung von Care-Arbeit durch politische Anreize und kulturellen Wandel
  • Perspektivisch: Arbeitszeitverkürzung statt -verlängerung als Weg zu mehr Wohlstand für alle

Die Zukunft der Arbeit darf nicht in der Rückkehr zu Zuständen des 19. Jahrhunderts liegen. Sie muss in einer humanen Arbeitswelt liegen, die allen Menschen ermöglicht, ihre Potenziale zu entfalten, für sich und ihre Familien zu sorgen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben – ohne sich dabei aufzureiben.

Quellenverzeichnis

[1] Tagesschau (2025): CDU-Wirtschaftsvereinigung fordert Ende der Teilzeit-Mentalität. URL: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/cdu-wirtschaftsfluegel-ende-teilzeit-100.html (Abruf: 29.01.2025)

[2] Vorwärts (2025): Lifestyle-Teilzeit? Warum die Forderungen der CDU haltlos sind. URL: https://www.vorwaerts.de/inland/lifestyle-teilzeit-warum-die-forderungen-der-cdu-haltlos-sind (Abruf: 29.01.2025)

[3] Berliner Morgenpost (2025): Aus für den 8-Stunden-Tag – Wie die Regierung Arbeitszeiten ändern will. URL: https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article411051161/aus-fuer-den-8-stunden-tag-wie-die-regierung-arbeitszeiten-aendern-will.html (Abruf: 29.01.2025)

[4] Welt (2025): Aus für 8-Stunden-Tag – Verlängerte Arbeitszeiten sind ein Anschlag auf die Gesundheit, sagt Wagenknecht. URL: https://www.welt.de/politik/deutschland/article6979d7c318848ea619289b08/aus-fuer-8-stunden-tag-verlaengerte-arbeitszeiten-sind-ein-anschlag-auf-die-gesundheit-sagt-wagenknecht.html (Abruf: 29.01.2025)

[5] Statistisches Bundesamt (2024): Gründe für Teilzeitarbeit. Wiesbaden.

[6] Statistisches Bundesamt (2024): Arbeitszeitstatistik – Tatsächliche Wochenarbeitszeit. Wiesbaden.

[7] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2024): Überstunden in Deutschland. Nürnberg.

[8] World Health Organization & International Labour Organization (2021): Long working hours increasing deaths from heart disease and stroke. Genf.

[9] Bundesinstitut für Risikobewertung (2022): Gesundheitliche Auswirkungen langer Arbeitszeiten. Berlin.

[10] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2023): Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit. Dortmund.

[11] Kocka, Jürgen (2013): Geschichte der Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert. München: Oldenbourg Verlag.

[12] OECD (2023): OECD Employment Outlook 2023. Paris.

[13] Bundesagentur für Arbeit (2024): Fachkräfteengpassanalyse. Nürnberg.

[14] Statistisches Bundesamt (2024): Kindertagesbetreuung – Betreuungsquote. Wiesbaden.

[15] Kultusministerkonferenz (2023): Ganztagsbetreuung an Grundschulen. Berlin.

[16] Statistisches Bundesamt (2024): Pflegestatistik – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Wiesbaden.

[17] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2023): Gender Pension Gap in Deutschland. DIW Wochenbericht 90(10), S. 147-154.

[18] Deutsche Rentenversicherung Bund (2023): Rentenversicherung in Zeitreihen. Berlin.

[19] Institut der deutschen Wirtschaft Köln (2023): Gender Care Gap – Verteilung unbezahlter Sorgearbeit. Köln.

[20] Eurofound (2022): Working time flexibility and work-life balance. Luxemburg.

[21] Autonomy Research (2021): Going Public: Iceland's Journey to a Shorter Working Week. London.

[22] Federal Public Service Employment, Labour and Social Dialogue Belgium (2022): Four-day workweek legislation. Brüssel.

[23] International Labour Organization (2023): Working Time Innovations in Europe. Genf.

[24] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2023): Ökonomische Effekte der Arbeitszeitverkürzung. DIW Wochenbericht 90(15), S. 267-275.

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